Blutorangen

von Verena Boos

Wenn ich meine Hand mit geschlossenen Augen über den Buchdeckel gleiten lasse, meine ich fast, eine Orange zu fühlen, geschützt durch ein schön gestaltetes Umschlagpapier. Wieder so ein besonderes Buch, das meinen Horizont erweitert und mich sehr bewegt hat.
Entdeckt habe ich dieses Wortkunstwerk in meinem Lieblingsantiquariat in Heidelberg, Titel und Umschlaggestaltung haben mich mit freudiger Erwartung erfüllt. Der Sommer war gerade dabei sich zu verabschieden und vielleicht könnte ich ihn mit der Sonne Spaniens noch ein bisschen verlängern.
Allerdings lässt der Titel schon vermuten, dass dieser Roman keine leichte Geschichte erzählt, aber der Klappentext hat mich nur noch neugieriger werden lassen.
Die junge Spanierin Maite freut sich darauf, durch ein Auslandssemester in München der geistigen Enge ihres Elternhauses entfliehen zu können. Dort angekommen verliebt sie sich in Carlos und lernt dessen spanischen Großvater Antonio kennen. Eine Fotografie ihres Vaters in einer deutschen Wehrmachtsuniform bringt sie zum Nachdenken und Fragen. Antworten bekommt sie von Antonio und erfährt so immer mehr von der Geschichte ihres Landes, aber auch der kann ihr nicht alles sagen.
»Blutorangen« erzählt auf spannende Weise von zwei spanischen Familien, die in den Wirren den 20. Jahrhunderts ganz unterschiedliche Wege gegangen sind und dass man mit dem Erbe seiner Familie leben kann.
Verena Boos erzählt nicht nur Maites Geschichte, sondern auch die ihres Vaters und die von Antonio, gibt einen Einblick in das Leben von Opfern und Tätern. Manches wird dadurch verständlicher, aber durchaus nicht verzeihbar.
Auch Spanien litt lange Zeit unter einer faschistischen Diktatur, viel länger noch als Deutschland, und die wirkliche Aufarbeitung hat erst vor einigen Jahren begonnen. Verena Boos widmet sich diesem großen Thema mit Präzision, erzählt klar, schlicht und ohne Pathos. Verschiedene Geschichten verflechten sich zu einer. Die Geschichte des Einzelnen lässt die Geschichte Europas besser verstehen.
So hat dieses Wortkunstwerk zwar nicht den Sommer für mich festgehalten, mich aber mit seiner schönen Sprache, den vielschichtigen Figuren, zart erzählten Liebesgeschichten und der geschichtlichen Aufarbeitung sehr begeistert und damit die Sonne in mein Herz gelassen. Ein gutes Buch macht nämlich einfach glücklich!